Sven Regener: „Der kleine Bruder“

„Der kleine Bruder“, der lang erwartete Mittelteil von Sven Regeners Trilogie um den sympathischen Antihelden Frank Lehmann, setzt da an, wo „Neue Vahr Süd“ (2004) endete, nämlich im November 1980. Frank, nach seinem „Selbstmordversuch“ gerade aus der Bundeswehr entlassen, macht sich zusammen mit seinem Kumpel Wolli von Bremen aus auf nach Westberlin. Frank will dort – in der Stadt, die für ihn der place to be und der absolute Gegenentwurf zum provinziellen Bremen ist – bei seinem Bruder Manfred, angeblich ein angesehener Künstler, unterkommen.
„Neues Leben hin, neues Leben her, dachte er, es sollte nicht mit der Fahrt durch einen dunklen Tunnel beginnen. Oder vielleicht doch, dachte er, als in der Ferne die hell strahlende Grenzkontrollstelle auftauchte. Oder vielleicht gerade doch.“
Dummerweise platzt Frank zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt in die WG seines Bruders. Manfred, dort nur als Freddie bekannt, ist seit Tagen verschwunden und Erwin, der Eigentümer, eröffnet seinen Mitbewohnern, dass sie binnen 48 Stunden aus der Wohnung ausziehen müssen. Eigenbedarf und so. Keine guten Vorzeichen für ein neues Leben, aber so schnell lässt sich ein Frank Lehmann nicht entmutigen. Er entschließt sich, zu bleiben und ist im Handumdrehen mittendrin in der wilden Szene des Kreuzberg der frühen 80er Jahre. Hier wimmelt es nur so von Punks, verschrobenen Möchtegern-Avantgarde-Künstlern wie P.Immel, Begründer der ArschArt-Galerie und Frontmann der obskuren Band Dr. Votz, und anderen windigen Typen. Das Leben ist hier seltsam umtriebig und ziellos zugleich – genau das also, was sich Frank immer erträumt hat.
„In Berlin wohnen ist wie Tubaspielen: Hauptsache, du pupst ordentlich rum.“
Obwohl die Handlung von „Der kleine Bruder“ nur knapp zwei Tage und vor allem Nächte im November 1980 umfasst und deshalb (vor allem im Gegensatz zum 600-Seiten-Wälzer „Neue Vahr Süd“) äußerst überschaubar bleibt, versteht man nach der Lektüre, warum Frank Lehmann so ist, wie man ihn aus „Herr Lehmann“ (2001) kennt. Sven Regener hat in seinen neuen Roman, der noch mehr als seine beiden Vorgänger von seinem brillanten Wortwitz und seinen zeitweise an Dadaismus grenzenden, kuriosen Dialogen lebt, viele Personen und Orte gepackt, die einem auch in „Herr Lehmann“ begegnen. So gesehen ist „Der kleine Bruder“, der konsequent an „Neue Vahr Süd“ anknüpft und gleichzeitig den Weg für „Herr Lehmann“ ebnet, also einerseits ein runder Abschluss der Trilogie. Andererseits hält sich Sven Regener, indem er beinahe neun ganze Jahre ausspart, die Option einer Fortsetzung offen – auch wenn er jetzt noch betont, fertig zu sein mit Frank Lehmann. Das ein oder andere Buch könnte man dem liebenswerten Vogel durchaus noch widmen, denn von solchen Lebensweisheiten kann man eigentlich niemals genug bekommen:
„Und das ist was für´s Leben: Trink immer, solange du noch kannst. Man weiß nie, ob später nicht was dazwischenkommt.“
„Der kleine Bruder“ (ISBN 978-3-8218-0744-7) ist Anfang September bei Eichborn Berlin erschienen, hat 284 Seiten und kostet 19,90 Euro.
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Musik habe ich diese Woche (wie immer) auch gehört. Reviews gibts bei Rote Raupe*.
- Herman Dune: „Next Year In Zion“